Brigittes Flucht

Brigitte war elf Jahre alt als sie 1947 ihre Heimat verlassen musste. Das Dorf Schiefer in Schlesien, aus dem ihre Familie stammt, gehörte nach Kriegsende zu Polen. Die deutsche Minderheit wurde nach dem Krieg nicht nur aus Polen vertrieben, sondern auch aus der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und Ungarn.

Brigittes Elternhaus in Schlesien, im Dorf Schiefer.
Die Kinder aus dem Dorf Schiefer vor der Katastrophe. Brigitte ist die zweite von links.

Brigitte landete mit ihren Großeltern, ihrer Mutter, ihrem jüngeren Bruder und älteren Schwester in Meiningen.

1953 lernte sie ihren Mann Hans Wagner kennen. Hans Mutter hatte sich aufgeregt, dass Hans doch auch eine von „unseren“ hätte heiraten können, er sähe doch schließlich gut aus. Und trotzdem nimmt er eine der „Hergelaufenen“. Brigitte war für die Meininger eine “Fremde”, obwohl sie eine Deutsche war.

Brigitte und ihr Mann Hans bei Freunden 1958 in Meiningen.

Brigitte nahm 2016 Kontakt zum Stadtarchiv auf. Sie schickte mir ihre handschriftliche Fluchtgeschichte. Später durfte ich sie besuchen und sie erzählte mir Dinge, die in ihrer handschriftlichen Geschichte nicht vorkamen. Es entwickelte sich eine Vertrautheit zwischen uns. Für ein paar Jahre haben wir uns aus den Augen verloren und doch wiedergefunden. Zuletzt habe ich Brigitte Wagner mehrere Male im DRK-Seniorenheim besucht. Der letzte Besuch war ein Abschied. Sie lag bereits im Sterben. Brigitte bat mich, ihren Namen nicht mehr zu ändern, sondern ihren richtigen Namen zu benutzen. Sie wusste, dass ich mit zwei Schauspiel*innen vom Theater, Vivian Frey und Anja Lenßen, eine Hördokumentation über ihr Leben plante, worüber sie sich sehr freute. Wir hatten gehofft, dass sie die Produktion noch miterlebt. Das hat sie leider nicht geschafft. Sie starb am 23. Juli 2021.

Die Hördokumentation wird bis zum Ende des Jahres online sein.

Ich bin dankbar, dass ich Brigitte Wagner kennenlernen durfte und sie mir Geschichten anvertraut hat, von denen ich weiß, dass viele Frauen diese Geschichten mit ins Grab genommen haben.

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